Nico Burger hat eine Weile gebraucht, bis er seinen Weg gefunden hat. Dass er Fliesenleger geworden ist, war eher Zufall. Und wenn ihm jemand vor ein paar Jahren prophezeit hätte, dass er mal seinen Meister macht und erfolgreich einen eigenen Betrieb führt, hätte er wahrscheinlich nur gelacht. Doch genau das ist passiert.
Eigentlich hatte Nico Burger mit der Fliesenlegerei schon abgeschlossen. In der Ausbildung war er kurz davor, Brechzange und Zahnkelle aus seinem Leben zu verbannen: Viel zu selten habe er echte Fliesenleger-Arbeiten übernehmen dürfen, viel zu oft nur zuarbeiten sollen, so Burger. Dass er dabeigeblieben ist, hat er vor allem seiner Freundin Miriam Schuster zu verdanken. „Wenn die mir nicht immer wieder in den Hintern getreten und gesagt hätte: ,Nico zieh‘s durch!‘, dann hätte ich viel früher aufgegeben“, erzählt der mittlerweile 28-Jährige. Er zog es durch und bestand die Gesellenprüfung – wenn auch mit Ach und Krach, was vor allem der inhaltlich wenig intensiven Lehre geschuldet war.
Burgers Weg war von Anfang an nicht einfach. In der Schulzeit hatte er andere Dinge im Kopf. Eine „wilde Zeit“ sei das gewesen. „Ich habe mich extrem ausgelebt, vielleicht auch ein bisschen zu arg.“ Nach seinem Hauptschulabschluss ging er von der Schule ab. Zunächst wollte er bei einem Optiker anfangen, bei dem er schon während der Schulzeit ein Praktikum absolviert hatte. Die hätten ihn auch gerne genommen, aber dann brach er sich beim BMX-Fahren ein Bein, und die Filiale des Optikers in Haßloch, Burgers rheinland-pfälzischem Heimatort, wurde aufgelöst. Sein Vater rief bei einem örtlichen Fliesenleger an und sorgte so dafür, dass er überhaupt eine Lehrstelle bekam.
Ungelernter Maschinenführer im Schichtdienst
Auch nach der Lehre sah es zunächst nicht so aus, als ob es mit Nico Burger und dem Fliesenlegen etwas werden würde. Zwar hatte er nun seinen Gesellenbrief in der Tasche, aber sein Ausbildungsbetrieb wollte ihn nicht übernehmen. Was also tun? Er suchte sich etwas Neues. „Ich bin dann erst einmal in die Industrie gegangen und habe als Maschinenführer im Schichtdienst gearbeitet.“ Kaum zu glauben, dass derselbe Nico Burger inzwischen Fliesenlegermeister ist, sich einen eigenen Betrieb mit einem Angestellten aufgebaut hat und nicht nur in seiner Heimatregion für seine sehr gute, spezielle und kreative Arbeit bekannt ist. Wie hat er das geschafft? Und wie hat er den Weg zurückgefunden, zurück zur Fliese?
Erster Knackpunkt: der Job als Maschinenführer. Der Schichtdienst. Die gleiche stumpfe Arbeit. Jeden Tag. Abwechslung? Fehlanzeige. Und jeden Tag die gleiche Frage im Kopf: Willst du das wirklich die nächsten 50 Jahre machen? Und wieder war es Freundin Miriam, die ihm auf die Sprünge half: „Sie hat dann immer wieder zu mir gesagt, lern‘ was, geh noch mal in die Schule, du bist doch noch jung.“

Eine zweite Chance für die Fliese
Zweiter Knackpunkt: 2019 lief er irgendwann mit seinem alten Fliesenleger-Pulli rum und wurde von einem Kollegen angesprochen, ob er nicht Lust habe, ein Bad für ihn zu gestalten. „Ich habe ihm gesagt: Ich kann dir nicht versprechen, dass das etwas wird. Ich habe noch nie ein Bad fertig gemacht.“ Dieses Bad aber machte er fertig – und das Ergebnis fand er selbst so gut, dass er beschloss, der Fliese eine zweite Chance zu geben. Er meldete ein Gewerbe an und übernahm die ersten Aufträge. Es lief gut. Sehr gut sogar. „Ich hatte irgendwann richtig viel Arbeit, habe Riesenaufträge angenommen und gearbeitet wie blöd. Teilweise in meinem Urlaub. Dabei habe ich schnell viele Kontakte aufgebaut und mir einen Namen gemacht.“ In Burgers Kopf reifte ein Plan – ein Plan für eine bessere Zukunft, in dem der Betrieb, in dem er ausgebildet worden war, eine wichtige Rolle spielen sollte.
Dort gab es einen neuen Chef, einen, mit dem sich Nico Burger deutlich besser verstand als mit dem alten. Burger fragte an, ob der Betrieb ihn nicht doch als Geselle einstellen könne. Er machte aber auch klar, dass er andere Ziele habe – er wolle seinen Meister machen und anschließend wieder gehen. Das eigentliche Ziel: Mit dem Meister in der Tasche Architektur oder Bauingenieur studieren. Der Chef war mit dem Deal einverstanden. Der Ausweg aus der Maschinenführer-Schichtdienst-Falle hin zu einem spannenden, fordernden Berufs- und Studentenleben schien geebnet.

Und wieder ein Hindernis
Doch Nico Burger wäre nicht Nico Burger, wenn sich auf diesem Weg nicht plötzlich noch Hindernisse aufgetürmt hätten: Corona kam und damit Kurzarbeit im Betrieb. Es dauerte nicht lange, bis der Chef sagte, es tue ihm leid, aber er könne nur zwei der drei angestellten Gesellen weiter beschäftigen, er wisse nur noch nicht, wen. „Ich habe wochenlang überlegt, ob ich mich selbstständig machen soll. Nach ein paar schlaflosen Nächten habe ich mir gesagt: Ich probiere es jetzt einfach, und bin ins kalte Wasser gesprungen.“
Da er sein Kleinunternehmen nicht abgemeldet hatte, genoss er Bestandsschutz und konnte auch ohne Meister loslegen. Es lief ziemlich schnell ziemlich gut für Nico Burger: Zum einen hatte er schon in der kurzen Zeit im alten Betrieb gemerkt, dass er als Fliesenleger immer besser wurde, zum anderen hatte er reichlich zu tun und verdiente gutes Geld. Und vielleicht wäre er nie zur Meisterschule gegangen, wenn nicht irgendwann Skay Mohr wieder in sein Leben getreten wäre. Mohr und Burger hatten zusammen gelernt, und als Mohr nun sah, wie erfolgreich der alte Freund mit seiner Selbstständigkeit war, kam er, der Angestellte, ins Grübeln. Mohr beschloss, seinen Meister zu machen – und weckte so Burgers Ehrgeiz: „Wenn Skay den Meister macht, dann hole ich mir den Titel auch.“
Doch noch Meister
Nico Burger ging aufs Ganze: verkaufte sein Auto, kratzte alles Geld zusammen und meldete sich zur Meisterschule an. Dabei stieß er auch auf die „Die Meistermacher“ und nutzte das günstige Angebot. „Ich fand es super. ,Die Meistermacher‘ kamen immer vor dem Einschlafen. Ich habe mich dann nochmal vor den Rechner gehockt und habe die Fragen beantwortet. Auch das Fachbuch ‚Fachwissen Fliesentechnik‘ war sehr hilfreich: Man weiß halt, dass das, was dort vorkommt, für die Prüfung relevant ist.“ 2023 hatte er seinen Meister in der Tasche.
Im selben Jahr spielte Kumpel Skay noch einmal eine wichtige Rolle auf Nico Burgers Weg zum erfolgreichen Fliesenunternehmer: Bei einem größeren Projekt, bei dem ihn Skay Mohr als Solo-Selbstständiger unterstützen sollte, waren sie sich schnell einig, dass ein gemeinsames Unternehmen viel sinnvoller wäre. Das war die Geburtsstunde der Burger Mohr GbR. „Anfangs waren wir über jede Reparatur froh. Aber dann kamen immer mehr Aufträge rein, und die Anfragen wurden anspruchsvoller.“ Seitdem ging es für Burger & Mohr nur noch aufwärts.
Bei einem Workshop lernte Nico Burger Fliesendoktor Uwe Feustel kennen. So kam er mit der Kunst der Kantenbearbeitung und -verklebung in Berührung. Die Gehrungskante wurde Burgers Spezialität und Steckenpferd. Zu Feustel hat er immer noch einen guten Draht: „Uwe ist ein guter und wichtiger Freund, der mir in schwierigen Situationen schon oft weitergeholfen hat.“

Fliesenkünstler on Tour
Seit 2024 brummt der Laden: Gehrungen wurden Standard in den Burger-Mohr-Bädern. Und sie verlegten nur noch Großformate. Die Aufträge wurden immer größer, und weil sie sich mit ihrer besonderen Arbeit mittlerweile über ihre Heimatregion hinaus einen Namen gemacht haben, geht es auch schon mal auf Montage nach München oder Stuttgart. Fliesenkünstler on Tour.
Skay Mohr ist Mitte 2025 zwar aus privaten Gründen aus dem gemeinsamen Unternehmen ausgestiegen, an ihrer Freundschaft und dem Erfolg des Unternehmens hat das aber nichts geändert. „Ich habe eine ganz klare Vision“, sagt Nico Burger. „Ich will nach ganz oben. Ich möchte, dass die Kunden sich für mich entscheiden, weil sie wissen, sie bekommen das Bestmögliche für ihr Geld. Keine Kompromisse, kein ,das geht nicht‘. Wir erschaffen etwas Langlebiges, etwas Einzigartiges – eben echte Handwerkskunst.“
Nico Burgers Geschichte ist ein tolles Beispiel dafür, dass man auch dann etwas aus sich machen kann, wenn man keinen einfachen Start hat, wenn der Weg steinig ist und die Arbeitstage lang sind. „Ich will zeigen, dass alles möglich ist – auch wenn dir immer wieder gesagt wird ,das schaffst du sowieso nicht‘ oder ,das ist eine ganz andere Liga‘.“ Er ist auf einem sehr guten Weg: Er hat sich ein großes Netzwerk aufgebaut, gerade seinen ersten Mitarbeiter eingestellt, und im Frühjahr wird der Showroom eröffnet, an dem er im Moment in jeder freien Minute arbeitet. Und im Sommer heiratet er Miriam Schuster. Die Zukunft kann kommen.